Histadelie

HISTADELIE (Hoher Histaminspiegel im Blut)*

eine Arbeit von Dr. rer. nat. Dr. med. Carl C. Pfeiffer

Leiden Sie an Missempfindungen und
1. müssen Sie bei starkem Sonnenschein niesen,
2. waren Sie als Teenager schüchtern und überempfindlich,
3. weinen Sie leicht, leiden Sie an starkem Speichelfluss und Übelkeit,
4. hören sie Ihren Puls, wenn Sie nachts mit dem Kopf auf dem Kissen liegen,
5. juckt es Sie an anderen Stellen, wenn sie sich am Bein kratzen,
6. haben Sie häufig Rückenschmerzen, Bauchschmerzen oder Muskelkrämpfe,
7. kommen Sie beim Verkehr rasch zum Orgasmus,
8. leiden Sie regelmäßig an Kopfschmerzen und saisonalen Allergien,
9. leiden Sie unter einer inneren Anspannung und gelegentlichen Depressionen,
10. haben Sie abnorme Angstgefühle, Zwangsvorstellungen, Rituale,
11. glauben Sie, dass Ihr Schlaf leicht ist,
12. verbrennen Sie die Nahrung rasch (werden nicht leicht dick),
13. denken Sie häufig an Selbstmord,
14. können Sie viel Alkohol und andere Dämpfungsmittel vertragen
15. haben Sie wenig Körperhaare,
16. haben Sie große Ohren, lange Finger und Zehen,
17. stammen Sie aus einer Familie, in der es nur Söhne gibt,

dann sprechen Sie an auf:
1. eine eiweißarme, kohlenhydratreiche Kost,
2. Kalziumglukonat, morgens und abends 500 mg,
3. Methionin, morgens und abends 500 mg,
4. die vorsichtige Behandlung mit Antiepileptika.

*Anmerkung: Sie müssen Folsäure und Multivitamine, die Folsäure enthalten, vermeiden.

Die Histadelie oder der Patient mit hohem Histaminspiegel
Etwa 20% der sogenannten schizophrenen Patienten sind solche mit Histadelie. Diese Schätzung beruht auf den zahlreichen schizophrenen Patienten, die im Vergleich von 20 Jahren zwischen 1966 und 1985 am Brain Bio Center behandelt worden sind. Der Patient mit Histadelie gilt in allen anderen psychiatrischen Ambulanzen und Krankenhäusern als schizophrener Problempatient. Uns wurden hauptsächlich Problempatienten überwiesen, so dass der tatsächliche Anteil des schizophrenen Patientenkollektivs, das sich im Brain Bio Center vorgestellt hat, wesentlich weniger als 20% ausmachen kann. Berühmte Amerikaner, die wahrscheinlich an Histadelie litten, waren Marilyn Monroe, Judy Garland und Shane McNeill der Sohn des Bühnenautors Eugene 0’Neill. Alle drei Berühmtheiten haben Selbstmord begangen.

Wie wir erstmals Patienten mit Histadelie fanden
Unser erstes Zusammentreffen mit Histadelie-Patienten erfolgte im Rahmen einer biochemischen und psychiatrischen Studie an ambulant behandelten Schizophrenen. Bei zwei unserer neuen Dauerpatienten, über die umfassende Daten vorlagen und die uns wiederholt aufsuchten, bestanden signifikant positive Korrelationen zwischen dem Blut-Histaminspiegel und dem Experiential World Inventory. Mit anderen Worten nahmen erhöhter EWI und Blut-Histaminspiegel ab, als es den Patienten besser ging. Bei diesen Histadelie-Patienten liegt der Histaminspiegel im Blut meist weit über 100 ng/ml (10 mcg% ) und die Basophilen-Zahl über 50 Zellen/mm3.

Familiäre Erkrankung
Die Erkrankung ist meist familiär und macht sich im Alter von etwa 20 Jahren bemerkbar. Die leicht nachweisbare Anamnese von Suiziden und Allergien unter näheren oder entfernteren Verwandten spricht in starkem Masse für eine mögliche Histadelie. Diese Erkrankung ist früher möglicherweise als familiäre psychotische Depression bezeichnet worden. Wegen der im Vordergrund stehenden Psychose wird der Patient mit nicht diagnostizierter Histadelie als Schizophrener behandelt, spricht aber weder auf eine der üblichen medikamentösen Behandlungen noch auf Elektroschock- oder Insulinkoma-Therapie an. Wir haben bisher rund 300 dieser Patienten behandelt und unsere Erfahrung hat uns gelehrt, mit Hilfe von vielen hilfreichen Hinweisen frühzeitig die Diagnose zu stellen. Die frühzeitige Diagnosestellung ist deshalb wichtig, weil bei Patienten mit Histadelie stets Selbstmordgefahr besteht. Die meisten Patienten, die wir durch Selbstmord verloren haben, litten an Histadelie.

Psychiatrische Symptome
Missempfindungen, Wahnvorstellungen, Zwangshandlungen, Störungen im Gedankenablauf, Geistesabwesenheit, abnorme Ängste, ständige suizidale Depression, rasches Ausbrechen in Tränen und Verwirrtheit können sämtlich auftreten. Die überlebenden Patienten denken meist zwanghaft an eine Methode, Selbstmord zu begehen (Überdosierung von Medikamenten, Eröffnen der Pulsadern). Das Symptom der Geistesabwesenheit erkennt man meist, wenn man den Patienten auffordert, sich das Gesicht der Mutter vorzustellen oder sich vorzustellen, warum er auf einer Autobahn nach rechts abbiegen soll, um dann auf der anderen Autobahn in Wirklichkeit nach links zu fahren (Kleeblatt-Abfahrt). Der Patient wird darauf meist keine Antwort wissen. Diese Patienten können schnell Nahrung oxidieren und sind meist medikamenten- und zuckersüchtig. Histamin beschleunigt die Oxidation der Nahrung, so dass der Histadelie-Patient meist ein schlanker Nimmersatt ist. „Ich kann alles essen und trinken und nehme trotzdem nicht zu“.

Metabolische Symptome
Wegen des hohen Histaminspiegels kann der Patient beim geringsten Anlass in Tränen ausbrechen. Histamin produziert viel Speichel, so dass die Zähne häufig nicht kariös sind. Der Grundumsatz ist so hoch, dass der Patient kaum subkutanes Fett ansetzt – infolgedessen also eine gute Figur hat. Weil Marilyn Monroe wahrscheinlich an Histadelie litt, können wir heute ihre Äußerung gegenüber den Pressephotographen besser verstehen: „Sie machen immer nur Photos von meinem Körper, obwohl das beste an mir meine Zähne sind – ich habe keine Karies.“ Bei guter Speichelproduktion werden die Zähne in Speichel gebadet und der Patient kann die Angewohnheit haben, sich mit Daumen und Zeigefinger den Speichel aus den Mundwinkeln zu wischen. Der Patient nimmt ebenso wie der Drogenabhängige übermäßig viel Zucker zum Kaffee oder Tee. Zur Vorgeschichte kann der Patient Allergien und periodische Kopfschmerzen angeben. Bei der Blutabnahme oder einer Vitamin B12-Injektion kann der Patient infolge der sehr niedrigen Schmerzschwelle in Tränen ausbrechen oder stöhnen. Die Patienten weisen keine starke Körper- oder Extremitätenbehaarung auf. Männer haben meist einen leichten Bartwuchs. Die natürliche Haarfarbe ist meist brünett oder schwarz. Uns sind einige depressive Kinder mit hohem Blut-Histaminspiegel vorgestellt worden, jedoch leiden diese Kinder häufig an Bleivergiftung, so dass die Schwefelverbindungen im Organismus inaktiviert werden und der Histaminspiegel im Blut ansteigt. Histadelie-Patienten leiden an der schwersten Schlaflosigkeit jeder Untergruppe der „Schizophrenien“. Sie können 5 Tabletten zu 100 mg Pentobarbital plus Chlorpromazin benötigen. Ein solcher allein lebender Patient nahm eine Überdosis von 27 Kapseln Pentobarbital (100 mg) und wachte wieder auf! Wir Ärzte machen uns schon wegen 10 Pentobarbital-Kapseln Sorgen und pumpen den Magen aus, wenn der Patient 10 oder mehr Kapseln geschluckt hat. Beim Verkehr kommt es rasch zum anhaltenden Orgasmus, gelegentlich beobachtet man auch Satyriasis oder Nymphomanie.

Medikamentöse Behandlung
Diese polypragmatisch und falsch behandelten Patienten haben häufig nacheinander die besten psychiatrischen Krankenhäuser aufgesucht, wo sich selbst Dosen von 4000 mg/die Chlorpromazin oder täglich 100 mg Fluphenazin als unwirksam erwiesen. Mit Elektroschock wird meist wenig erreicht, die Insulin-Komatherapie ist nutzlos. Der mit 100 mg Fluphenazin behandelte Patient kann infolge der medikamentös bedingten Muskelwirkungen wie eine Holzstatue wirken, und der Psychiater kann von der nunmehr eingetretenen „Katatonie“ sprechen. Diese „Katatonie“ spricht selbstverständlich auf eine Reduzierung der Fluphenazin-Dosis oder die tägliche Verabreichung von Biperiden an – einem Antidot bei Muskelkontraktionen. Antidepressiva wie Amitryptilin oder MAO-Hemmer sind unwirksam. Lithium ist in einer geringen Dosis von 600-900 mg täglich (Blutserumspiegel 0,4‑0,7 mÄq/L) geringfügig wirksam; höhere Dosen sind nicht stärker wirksam. L-Tryptophan ruft, wenn es in der üblichen hypnotischen Dosis (1,0 mg oral) vor dem Schlafengehen genommen wird, eine längere Gesichtsrötung über 2‑3 Stunden und kardiovaskuläre Reaktionen hervor, was wahrscheinlich auf die rasche Umwandlung von Tryptophan in Serotonin zurückgeführt werden kann.

Nährstoff-Therapie
Diese Patienten sprechen auf die klassische Meganährstoff-Therapie (Niacin und Vitamin C) von Hoffer und Osmond nicht an. Nach Verabreichung von Folsäure verschlechtert sich der Zustand des Patienten eindeutig. Die Injektion von Vitamin B12 wird hingegen vertragen und bewirkt meist eine leichte Besserung der Depression. Der Patient spricht auf oral verabreichtes Kalziumglukonat an, das einen Teil des im Organismus gespeicherten Histamins und Methionins freisetzt und die Entgiftung von Histamin durch Methylierung unterstützt – der normale Entgiftungsprozess des Histamins im menschlichen Organismus. Das Antiepileptikum Phenytoin ist ebenfalls ein Antifolat-(Folsäure)-Medikament. Bei Verabreichung von 100 mg Phenytoin am Morgen und Abend lassen Zwangsvorstellungen und Depression meist etwas nach. Häufig reichen jedoch Methionin plus Kalzium, kombiniert mit Zink und Mangan aus, so dass wir bisweilen auf Phenytoin ganz verzichten können. Mit der gleichen Therapie mit Zink, Mangan, Kalzium, Methioriin und Phenytoin lassen sich auch viele Patienten mit Allergien erfolgreich behandeln, die nicht unter Depressionen leiden. Die wirksamste Nahrung dürfe eine eiweißarme Kost mit ausreichend Gemüse und Obst sein.

Laborbefunde
Typisch für den Histadelie-Patienten ist ein Blut-Histaminspiegel über 70 ng/ml und eine absolute Basophilenzahl über 50 Zellen/mm3. Der Kupfer-, Zink- und Eisenspiegel im Serum ist ebenso normal wie der Kryptopyrrolspiegel im Urin. Der EWI ist in den Kategorien Depression, Impulsivität und Missempfindungen hoch. Der IgE Spiegel (Immunglobulin E) kann hoch sein und auf Inhalations-Allergien hinweisen. Die Hauttests für verschiedene Nahrungsmittelallergien können positiv ausfallen. Sehr häufig bewährt sich die Injektion von Allergen-neutralisierenden Dosen zweimal pro Woche.

Prognose
Wie bei allen chronischen Depressionen muss auch bei Histadelie die Prognose vorsichtig und zurückhaltend gestellt werden. Die Patienten können selbstmordgefährdet sein und ihr Ernährungsprogramm abbrechen, so dass schließlich der Sensenmann siegt. Hält sich der Patient jedoch an sein Ernährungsschema, lassen sich im allgemeinen Depression und Zwangsvorstellungen beherrschen. Wir begannen vor 8 Jahren mit der Behandlung der Histadelie bei einem jungen Mann, der von seinem 17.-26. Lebensjahr in psychiatrischen Krankenhäusern untergebracht gewesen war. Er ist seither nicht mehr im Krankenhaus gewesen und ist heute berufstätig. Bei seinen 52 Blut­ Histaminspiegeln betrug der Mittelwert 99,3 mg/ml, nur einer betrug 145 und einer war mit 52 (nach einer Dosis Methadon) niedrig. Wie bei jeder Behandlung von Zwangsvorstellungen mit abnormen Ängsten sind diese Symptome am schwierigsten zu beeinflussen und klingen auch als letzte ab.

Drogenabhängige leiden an Histadelie
Uns liegen 12 Blutproben von Patienten vor, die von harten Drogen abhängig sind und sämtlich hohe Histaminwerte aufweisen; wir sind deshalb der festen Überzeugung, dass mehr unternommen werden kann und muss, um das biochemische Ungleichgewicht bei Drogenabhängigen zu korrigieren. Wir wissen, dass sowohl Heroin wie Methadon in starkem Masse Histamin freisetzen. Der Histadelie-Patient leidet an Depressionen, Zwangsvorstellungen und abnormen Gedankenablauf. Deshalb kann er zu viel Heroin, Methadon, Kaffee, Amphetamine, Sedativa und Zucker zu sich nehmen. Wer Tag für Tag zwanghaft Alkohol trinkt, leidet meist an Histadelie. Diese Patienten müssen taktvoll zur Mäßigung bewogen werden, während sich ihr Befinden dank des Ernährungsschemas langsam, aber sicher bessert.

Spezifische Probleme
Das größte Problem ist die ständig bestehende Selbstmordgefahr. Ein mit dem Patienten zusammenlebender verständnisvoller Angehöriger oder Ehegatte ist die beste Vorsichtsmaßnahme. Wesenveränderungen wie beim Drogenabhängigen und die Erinnerung daran, wie gut und stark sich der Patient nach 150 mg „Speed“ pro Tag gefühlt hat, stellen ebenfalls ein Problem dar. Wir können dieses Übermaß an psychischer Vigilanz mit einem guten Ernährungsschema nicht in den Griff bekommen. Wir können erreichen, dass sich der Patient normal, jedoch nicht hypomanisch fühlt. Für manche dieser Patienten mit Zwangsvorstellungen ist Normalität anscheinend „nicht ausreichend“.

Spekulation – notwendige Forschung
Bei diesen Patienten sollte ein Versuch mit einer eiweissfreien Ernährung gemacht werden, die sämtliche Aminosäuren mit Ausnahme von Histidin enthält. Für diese Patienten müssen spezielle Histamin-freisetzende Medikamente entwickelt werden, die keine Analgetika sind. Im Tierlabor sind solche Medikamente bekannt, die aber zur Verabreichung beim Menschen bisher nicht zugelassen sind. Untersucht werden muss auch der Methylierungsprozess beim Menschen, damit eine bessere Methylierung und ein besserer Abbau des Histamin-Moleküls möglich werden.

Buch: „Nährstoff-Therapie bei psychischen Störungen“ Dr. rer. nat. Dr. med. Carl C. Pfeiffer, Karl F. Haug Verlag-Heidelberg, ISBN 3-7760-1343-5